Lange Zeit dachte ich, ich müsste mich einfach mehr anstrengen.
Andere Menschen schienen ihren Alltag zu schaffen. Sie beantworteten E-Mails, erledigten Aufgaben und hielten Routinen ein. Ich dagegen hatte ständig das Gefühl, hinterherzurennen.
Nicht, weil ich nichts tun wollte.
Sondern weil mein Kopf oft nicht mitspielte.
Erst viel später begann ich zu verstehen, dass Faulheit vielleicht nie das eigentliche Problem war.
Warum fühlen sich einfache Aufgaben manchmal so schwer an?
Es begann oft schon morgens.
Ich wachte auf mit einer Liste von Dingen, die ich erledigen wollte. Manche davon waren wichtig, andere klein und unspektakulär. Eine E-Mail beantworten. Einen Termin vereinbaren. Die Wäsche aufhängen.
Nichts davon klang besonders schwierig. Und trotzdem konnte ich stundenlang darum herumkreisen. Bevor ich die anstehenden Aufgaben erledigte, fand ich immer wieder etwas anderes (das mir natürlich mehr Spaß machte) zu tun und redete mir ein, dass dies viel wichtiger sei.
Nicht, weil mir alles egal war. Sondern weil zwischen dem Gedanken „Ich sollte das jetzt machen“ und dem tatsächlichen Anfangen oft eine unsichtbare Wand stand.
Von außen sah das vermutlich aus wie Aufschieben.
Für mich fühlte es sich eher an wie Feststecken.
Ist das wirklich Faulheit oder etwas anderes?
Lange hatte ich nur eine Erklärung: Ich bin faul.
Und da war sie wieder. Die Stimme in meinem Hinterkopf, die rief:
„Warum können die Anderen solche kleinen Aufgaben eigentlich viel besser als du?
Was stimmt mit dir nicht?“
Wenn ich Dinge nicht schaffte, dachte ich, ich müsste eben disziplinierter sein. Besser organisiert. Konsequenter. Härter zu mir selbst.
Also schrieb ich neue Listen.
Mein Gehirn liebt Listen, aber was bringt die beste Liste der Welt, wenn man nichts davon abhaken kann?
Ich nahm mir neue Routinen vor.
Ich kaufte neue Notizbücher. (Ich habe unzählig viele. Ich finde sie so wunderschön.)
Und wenn es wieder nicht funktionierte, gab ich mir noch mehr die Schuld.
Heute sehe ich das anders.
Faulheit bedeutet für mich: Ich könnte etwas tun, aber ich entscheide mich bewusst dagegen.
Das war bei mir oft nicht der Fall.
Ich wollte die Dinge erledigen. Ich wusste, dass sie wichtig waren. Ich hatte sogar Angst vor den Konsequenzen, wenn ich sie nicht erledigte.
Und trotzdem kam ich nicht ins Handeln.
Wie fühlt sich ADHS-Paralyse eigentlich an?
Es ist schwer zu erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat.
Denn man sitzt nicht entspannt auf dem Sofa und genießt das Nichtstun.
Man denkt die ganze Zeit an die Aufgabe.
Man fühlt sich schlecht deswegen.
Man weiß, dass man sie erledigen sollte.
Und trotzdem passiert nichts.
Genau das macht es so zermürbend.
Das ist ein anderer Zustand.
Warum hilft „streng dich einfach mehr an“ oft nicht?
Der Satz klingt logisch.
Wenn etwas nicht funktioniert, muss man sich eben mehr Mühe geben.
Aber was, wenn man sich längst Mühe gibt?
Was, wenn niemand sieht, wie viel Energie schon in den Versuch geflossen ist?
Wie oft man innerlich angefangen hat.
Wie lange man über eine Aufgabe nachgedacht hat.
Wie viel Druck, Scham und schlechtes Gewissen sich aufgebaut haben, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Bei ADHS kann genau das passieren: Nicht unbedingt fehlender Wille ist das Problem, sondern die Schwierigkeit, Aufmerksamkeit, Impulse, Energie und Handlungen zuverlässig zu steuern.
Deshalb kann eine kleine Aufgabe riesig wirken. Eine Aufgabe, die für einen Menschen ohne ADHS einfach zur Routine gehört.
Und deshalb kann sich ein normaler Alltag manchmal anfühlen wie ein Dauerlauf gegen den eigenen Kopf.
Warum klappt manches plötzlich stundenlang – und anderes gar nicht?
Das war für mich lange besonders verwirrend.
Denn ich konnte mich ja konzentrieren.
Manchmal sogar extrem.
Wenn mich etwas wirklich interessierte, konnte ich stundenlang darin versinken. Recherchieren. Schreiben. Planen. Ideen entwickeln. Alles gleichzeitig.
Ist Hyperfokus wirklich eine Superkraft?
Hyperfokus nennt man das.
Und so praktisch Hyperfokus manchmal sein kann – er fühlt sich nicht wie eine Superkraft an.
Denn man entscheidet nicht bewusst, worauf er sich richtet.
Manchmal trifft er genau das Falsche.
Ich weiß zum Beispiel alles über die Band Mötley Crüe aus den 80ern, obwohl ich eigentlich nicht mal 80er Jahre Glam Metal höre.
Ich kann dir unendlich viel über das Skaten erzählen oder Hintergrundinformationen über diverse Filme und Serien.
Ich weiß einiges über VW-Busse, Fotografie, Gitarre spielen, Musikproduktion und viele andere Dinge.
Und plötzlich fiel mir wieder der wichtige Brief auf, um den ich mich seit Wochen nicht gekümmert hatte.
Von außen wirkt das widersprüchlich.
Für viele Menschen mit ADHS ist genau das aber typisch: Aufmerksamkeit ist nicht immer weg. Sie ist nur schwer steuerbar.
Manchmal springt sie ständig weiter.
Manchmal bleibt sie an etwas hängen und lässt kaum noch los.
Beides kann anstrengend sein.
Was sehen andere – und was sehen sie nicht?
Andere sehen oft nur das Ergebnis.
Die unbeantwortete Nachricht.
Den vergessenen Termin.
Die angefangene Aufgabe.
Die Unordnung.
Die wiederkehrende Absage des Treffens mit Freunden.
Ja. Verbindliche Termine sind ein Thema für uns.
Was sie nicht sehen, ist der innere Aufwand dahinter.
Sie sehen nicht, wie oft man sich vorgenommen hat, endlich anzufangen.
Sie sehen nicht, wie beschämend es sein kann, an etwas scheinbar Einfachem zu scheitern.
Sie sehen nicht, wie müde man wird, wenn man sich ständig selbst antreiben muss.
Wie schmerzhaft es ist, wenn man sich die ganze Zeit selbst fertig macht für etwas, das doch eigentlich so kinderleicht sein sollte.
Und vielleicht ist genau das einer der Gründe, warum ADHS so oft missverstanden wird.
Weil ein großer Teil davon unsichtbar bleibt.
Wie verändert sich der Blick, wenn man sich selbst besser versteht?
Für mich war es entlastend, nicht mehr sofort bei „faul“ zu landen.
Nicht, weil damit plötzlich alles einfach wurde.
Und auch nicht, weil ADHS eine Ausrede für alles ist.
Aber weil Erklärung etwas anderes ist als Entschuldigung.
Wenn ich verstehe, warum etwas schwer ist, kann ich anders damit umgehen.
Ich kann kleinere Schritte wählen.
Ich kann weniger auf Selbstbeschimpfung setzen.
Ich kann Systeme schaffen, die zu meinem Kopf passen, statt mich ständig dafür zu hassen, dass ich in fremde Systeme nicht hineinpasse.
Was wäre, wenn du gar nicht faul bist?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch.
Vielleicht hast du dich oft gefragt, warum du Dinge nicht einfach machst, obwohl du sie machen willst.
Vielleicht hast du dich mit Menschen verglichen, die scheinbar müheloser funktionieren.
Vielleicht hast du daraus geschlossen, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Ich kann dir nicht sagen, ob du ADHS hast. Das kann nur eine fachliche Abklärung leisten.
Bei mir wurde ADHS erst mit Anfang 30 festgestellt.
Aber ich kann sagen:
Nicht jede Schwierigkeit ist Faulheit.
Nicht jeder Umweg ist Versagen.
Und nicht jeder Mensch funktioniert gut in denselben Strukturen.
Was, wenn ich nie faul war?
Vielleicht bin ich nicht faul.
Vielleicht war ich es nie.
Vielleicht habe ich einfach viele Jahre versucht, mich an Maßstäben zu messen, die nicht für mein Gehirn gemacht waren.
Und vielleicht beginnt Heilung nicht dort, wo wir endlich perfekt funktionieren.
Sondern dort, wo wir aufhören, uns ständig dafür zu verurteilen, dass wir es nicht tun.


